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4. März 1975 – Die letzte Fluchthilfe des Hartmut Richters. Erst DDR-Flüchtling, dann Fluchthelfer und dann wieder zurück und DDR-Gefangener – heute Zeitzeuge und Aufklärer.

March 4, 2019

 

 

Der 1948 im brandenburgischen Glindow geborenen Hartmut Richter widersetzt sich schon früh aus Überzeugung dem Politischen System der DDR. Als Schüler war er noch ein begeisterter Anhänger der Jungen Pioniere, der Kommunistischen Kinderorganisation der DDR. Als er jedoch dem Pionierleiter seiner Schule berichten sollte, welche seiner Mitschüler heimlich westdeutsches Fernsehen sahen, änderte sich seine Einstellung zur DDR. Er lehnte nicht nur den Spitzeldienst ab, sondern weigerte sich in der 8. Klasse, der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten.
Fluchtgedanken hegte er schon während seiner Jugendzeit und wurde mehrfach allein und mit Freunden bei Erkundungen von Fluchtwegen aufgegriffen.


Seinen ersten Fluchtversuch begann er im Januar 1966 im Alter von 18 Jahren kurz vor seinem Abitur. Er versuchte über die tschechisch-österreichischen Grenze in den Westen zu gelangen. Im Zug vor der österreichischen Grenze wurde er von Grenzsoldaten aufgegriffen, die eine Landkarte bei ihm fanden, die einen mit dem Fingernagel markierten Fluchtweg enthielt. Daraufhin kam er für 3 Monate in Untersuchungshaft. Das Kreisgericht Potsdam verurteilt Richter zu zehn Monaten Haft auf Bewährung. Er geht davon aus, dass die milde Strafe auf einen Brief zurückzuführen ist, in dem er seinen Eltern Reue über seinen begangenen Fluchtersuch vortäuscht. Nur 7 Monate später, im August 1966, begann er seinen zweiten Fluchtversuch, der ihm diesmal glückt. Er schwimmt und taucht bei Dreilinden durch den Teltowkanal nach West-Berlin und muss ganze 4 Stunden im Wasser ausharren um von den Grenztruppen unentdeckt zu bleiben. Völlig unterkühlt, aber unverletzt erreicht er West-Berlin.


Bis 1972 reist Richter als Schiffsteward durch die Welt. Als er nach West-Berlin zurückkehrt, tritt das Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in Kraft. Aufgrund des Abkommens war es nun leichter DDR-Flüchtlinge in westdeutschen Fahrzeugen zu verstecken und über die Transitstrecken in den Westen zu bringen, da Bundesbürger von und nach West-Berlin nur noch bei einem „begründeten Verdacht“ kontrolliert werden durften.

Sein Heimatort Glindow lag unmittelbar an der Transit-Autobahn Hannover-Berlin. Hinzu kommt, dass er infolge einer Amnestie aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen wurde und fortan wieder ohne rechtliche Folgen als West-Berliner in die DDR einreisen durfte.

 

 

Von einem Bekannten wurde er gefragt, ob er für eine Freundin einen Fluchthelfer organisieren könnte – kurzerhand beschloss er, es selbst zu tun. In den kommenden 3 Jahren verhalf er insgesamt 33 Personen aus dem Familien- und Bekanntenkreis in seinem Kofferraum zur Flucht nach West-Berlin.

 

In der Nacht zum 4. März 1975 wurde er am Grenzübergang Drewitz von den Grenzpolizisten aufgefordert seinen Wagen in einer nahegelegenen Scheune abzustellen und den Kofferraum zu öffnen. Darin befanden sich seine Schwester mit einem Freund. Alle drei wurden verhaftet und Richter kam erneut in das Untersuchungsgefängnis in Potsdam und saß bereits ein Jahr in Haft als er 1976, mittlerweile 28 Jahre alt, von dem Richter zur Höchststrafe von 15 Jahren Freiheitsentzug wegen staatsfeindlichem Menschenhandel in 18 nachgewiesenen Fällen verurteilt wurde.

 

Während seiner Haftzeit in Rummelsburg ging er auf keine erkauften Vergünstigungen ein, er ließ die monatelangen Informations- und Kontaktsperren über sich ergehen und trotzte dem gezielt gestreuten Gerücht, er würde für die das Ministerium für Staatssicherheit arbeiten, was ihn nicht gerade beliebt bei den übrigen Gefängnisinsassen machte. Er trat 3x in den Hungerstreik (1x verweigerte er ganze 21 Tage lang die Nahrungsaufnahme), was ihm zwar keine Entlassung einbrachte, aber die Kontaktsperre zu seiner Familie wurde aufgehoben.

Von 5 Jahren und 7 Monaten Haftzeit war er knapp 4 Jahre in Einzelhaft. Er fertigte Flugblätter mit den Aufschriften „Freiheit allen Ausreisewilligen“, „Freiheit allen politischen Gefangenen“ und „Freiheit allen Fluchthelfern“ an, die allerdings in seiner Zelle gefunden wurden und zu seiner Verlegung zum Haftvollzug nach Bautzen II führten. 1980 kaufte ihn die Bundesrepublik frei – am 02. Oktober 1980 wurde er nach West-Berlin entlassen.

 


In Freiheit wurde er Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und initiierte verschiedene öffentlichkeitswirksame Protestaktionen gegen die DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit ließ ihn weiterhin, bis zum Mauerfall, beobachten und erstellten einen „Maßnahmenplan zur physischen Liquidierung“.  Zum 20. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1981 organisierte er, dass der Eingang des Büros er sowjetischen Fluggesellschaft „Aeroflot“ auf dem Kurfürstendamm zugenagelt wurde und hängte ein Schild mit der Aufschrift „Lieber nicht reinkommen, als nicht rauskommen“ davor. Zudem nahm er an vielen Demonstrationen und Ankettungsaktionen teil.

 

Heute engagiert er sich als Zeitzeuge für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und hilft bei der Aufklärung der Verbrechen in der DDR und führt seit 1999 als Besucherreferent durch die Gedenkstätte in Hohenschönhausen. 2012 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Wer Interesse an einem Besuch an der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen hat findet unter dem folgenden Link  https://www.stiftung-hsh.de/  weitere Informationen.
 

Quelle Foto 1: Chronik der Mauer

Quelle Foto 2 + 3: Gedenkstätte Berliner Mauer

 

 

 

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